dietzens.de

Lappland, März 2019

Solange es noch nicht verboten ist ...

... weil zuviel Reisen die Umwelt schädigt ...

... fliegen wir dorthin, wo es demnächst das Exotische nicht mehr zu sehen gibt ...

... weil zuviel gereist wird.

Diesen Widerspruch haben wir in ähnlichen Worten schon gehört, und so ähnlich ist uns auch zumute gewesen. Und immerhin hatten in unserer Reisegruppe (10 Personen) die meisten ebenfalls ein leicht schlechtes Gewissen wegen der Reise mit Flugzeug. Dennoch: Auch wir waren mit dabei.

Exotische Reiseziele haben natürlich eine höhere Anziehungskraft als das nächste Mittelgebirge - eben, weil sie so anders sind. Wir wollten nach Lappland, weil die Polarlichter nur dort einigermaßen sicher zu sehen sind. Wir entschlossen uns zu einer Pauschalreise der anderen Art. Wittman-Travel bietet verschiedene Astronomie-Reisen an, und das Angebot erschien uns als sehr solide, weil die Agentur schon lange im Geschäft ist.

Polarlichter

Polarlichter sind ein Atemstoß des Universums auf unsere Erde.
Faszinierend, unfassbar grazil und unberechenbar - ein Gruß aus einer anderen Welt.

Polarlichter lassen sich am häufigsten und schönsten um den 70. Breitengrad herum beobachten, denn dort ist bei mittlerer Sonnenaktivität ein Maximum an Beobachtbarkeit gegeben. Gut erreichbare Standorte mit wolkenarmen und niederschlagsfreiem Wetter sind Orte mit Landklima abseits der Wetterküchen. Der Norden Finnlands bietet sich hierfür an, ist außerdem für uns gut zu erreichen und hat fast die gleiche Zeitzone (-1 Stunde). Ähnlich verhält es sich auch für die Gebiete im Nordosten Norwegens abseits der Küste. Dort herrscht allerdings, obwohl das Gebiet östlich von Finnland liegt, unsere Zeitzone.

Die Reise

Das Arrangement umfaßte 5 Tage Aufenhalt am Inari-See in Finnland (68° 54' NB) und 5 Tage im norwegischen Naturschutzgebiet Pasviktal (69° 30' NB) an der russischen Grenze. Tatsächlich waren die Wetterbedingungen an beiden Standorten gut - also an zwei Dritteln der Tage wolkenlos oder schwach bewölkt und trocken. Allein der Sonnenwind, der letztlich für die Polarlichter verantwortlich ist, hat uns Geduld abgefordert.

Die Tageshelligkeit kann man entspannt mit Wanderungen in traumhafter Winterlandschaft genießen oder einige Exkursionen unternehmen. Wir versuchten uns als RentierschlittenfahrerIn, SchneescooterlenkerIn, SchlittenhundlenkerIn und standen das erste Mal im Leben auf Skiern - in diesem Fall waren es Langlaufski.

Hundeschlittenfahrt

Am beeindruckensten war für uns die Fahrt mit einem Husky-Schlitten. Dieses Erlebnis begann für uns schon mit dem Anschirren der Hunde. Die waren ganz versessen darauf, endlich wieder einen Schlitten ziehen zu dürfen. Sie tobten wild auf dem Gelände herum, nachdem sie aus den Zwingern gelassen wurden. Dann ließen sie sich aber bereitwillig selbst von den Touristen anschirren. Dann warteten sie mehr oder weniger ungeduldig am Schlitten, auf dass es bald losginge - die Schlitten waren an Pfosten angebunden und die Zugleinen waren mit Schneeankern fixiert - sonst wären die Hunde ohne Passagiere losgelaufen. Faszinierend war die Stille, die sich breitmachte, sobald die Hunde laufen konnten. Ein krasser Kontrast gegenüber dem Bellen am "Parkplatz". Nur noch das leise Trappeln der Pfoten im Schnee war zu hören, während wir mit 15 - 20 km/h über den Schnee glitten.

Als LenkerIn des Schlittens steht man hinten auf den Kufen und hat in der Mitte zwischen den Kufen einen Stahlsteg, der als Bremse in den Schnee gedrückt wird. Das spüren die Hunde. Dann schauen sie ungeduldig nach hinten, warum denn jemand bremst und bleiben stehen. Gibt man die Bremse wieder frei und läßt ein bißchen mit dem Zaumzeug nach, laufen sie sofort wieder los. Man muß also stets achtsam sein und immer mindestens einen Fuß auf einer Kufe haben - sonst ist der Schlitten weg. Wer im Schlitten sitzt, muß nur aufpassen, dass die Hände und Ellenbogen drinnen bleiben, denn es geht schon mal eng an Bäumen vorbei.

Nach ca. 7 km wurden die Hunde - bei zwei Personen sind das 5 sibirische oder Alaska-Huskys - etwas langsamer, hatten aber noch reichlich Puste, um die gleiche Runde nochmal zu laufen. Absolut faszinierend und ein Riesenspaß - und wenn man danach die Welpen auf den Arm nehmen darf . . .

Schneescooterfahrt

Deutlich gemütlicher verlief der Start einer Schneescooterfahrt. Nach extrem kurzer Einweisung: Haben Sie einen Führerschein? Hier ist der Gashebel, dort die Bremse, Handzeichen, nicht überholen usw. - geht es los. Erst mit 15-20 km/h, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Lenkkufen den Schneespuren nachlaufen und wie man am besten lenkt. Dann ging's erst über den zugefrorenen See und später auch durch lichten Wald und über kleinere Hügel. Auf der Fahrt über den zugefrorenen Fjord waren sogar 60 km/h drin, aber da mussten wir schon ziemlich konzentriert sein und auch Lenkkraft einsetzen. Vorteile des Schneescooters gegenüber dem Hundeschlitten sind übrigens die Griffheizung und Windschutz. Der Fahrspaß war wie beim Hundeschlitten ebenfalls sehr groß - allerdings gänzlich anders gelagert. Das Scooterfahren fühlte sich ein bisschen an wie Enduro-Fahren.

Besuch einer Rentierfarm

Die Überschrift dieses Reiseberichtes lautet Lappland. Und Lappland ist das Land, in dem die Samen (90.000-140.000 Menschen) leben. Das Siedlungsgebiet der Samen erstreckt sich von Norwegen über Schweden und Finnland bis nach Russland. Früher nannten Fremde diese Volksgruppe Lappen - daher der Name Lappland. Wie viele andere indigene Völker sind auch die Samen von den Eindringlingen in das von ihnen bewohnte Gebiet in ihrer Lebensweise einschränkt worden. Samen waren ürsprünglich Nomaden und zogen mit ihren Rentierherden über Land. Das hatte spätestens dann ein Ende, als Grenzen gezogen wurden. So leben sie heute gezwungenermaßen seßhaft, leben weiterhin von Rentieren - und auch von Touristen.

Auf der von uns besuchten Rentierfarm erfuhren wir das ein und andere über Rentiere (nicht Renn-Tiere - auch wenn sie schnell laufen können!), verschiedene Trachten und dürften Rentiere füttern, Lasso werfen und einen halben Kilometer mit dem Rentierschlitten gefahren werden. Einen Rentierführerschein bekamen wir danach auch. Das Programm ist straff organisiert und im Vergleich zu den anderen Tagestouren preiswert. Wir betrachteten diesen Ausflug als eine Art Entwicklungshilfe, denn Die Erlebnisdichte ist mäßig und im Sami-Museum in Inari erfährt man viersprachig Dimensionen mehr über die Samen, ihre Geschichte und das Leben am Polarkreis.

Langlauf

Man kann in Inari auch Langlaufskier mieten - allerdings nur tageweise. Da das Wetter schon zu warm war, verzichteten wir dort auf das Erlebnis. Später in Norwegen hatten wir Glück und konnten uns für ein paar Stunden sogar kostenlos ein paar Skier leihen. Zwei Youtube-Videos am Vorabend sollten uns als Anleitung genügen - schließlich haben wir ja Abitur ;-). Trotz der Warnung zweier Ärzte aus der Reisegruppe ("fürchterliche Brüche") wagten wir es und haben den norwegisch-russischen Grenzfluß unsicher gemacht, ohne von einer Patroullie aufgebracht zu werden.

Die Preise für diese Ausflüge sind skandinavisch stattlich, aber wir hatten bei all diesen Touren großen Spaß. Außerdem wird es für uns wohl ein einmaliges, außergewöhnliches Erlebnis bleiben. Dafür war der Preis noch OK. Wir hatten auch das gute Gefühl, dass niemand ausgenutzt wurde (z.B. Lenkzeiten der Busfahrer), Tiere gut behandelt wurden und kein Raubbau an der Landschaft betrieben wurde. Und auch die Einkleidung bei den Touren mit Overall, Schuhen und Handschuhen war vorbildlich. Das alles hat seinen Preis!

Reisebegleitung durch Wittman-Travel

Wittman-Travel macht geführte Reisen mit fachkundigem Reiseführer - so ähnlich stand es im Angebot. Und tatsächlich, unser Reiseführer Joachim Biefang hat sich nicht nur um den perfekten Ablauf aller Veranstaltungen gekümmert. Er hatte noch dazu enorme Kenntnisse über tausenderlei astronomische Details und auch noch einiges an Equimpent dabei, um die beobachtungsfreine Zeiten zu nutzen.

So hatte er neben vielen Astro-Videos und Vorträgen auch noch ein Coronado Sonnenteleskop, ein Spektroskop und eine Armillarsphäre dabei, an denen er uns einiges zeigte und erklärte. Es wurde also auch tagsüber nicht langweilig, wenn mal keine Veranstaltung war. Auch auf den Bustransfers war sein Vorrat an Wissenswertem über Land und Leute geradezu unerschöpflich.

Reiseunterkünfte

In Inari waren wir im Hotel Kultahovi untergebracht und hatten uns den Luxus eines Zimmers mit eigener Sauna gegönnt. Der Nebeneffekt war, dass das Zimmer im Neubau war und damit etwas besser ausgestattet war. Die Küche im Kultahovi ist sehr gut, es gibt außerdem eine ganze Reihe verschiedener nordischer Biere auch Weine zu mäßig skandinavischen Preisen.

In Norwegen waren wir Gast im NIBIO Svanhovd, einem Seminarhotel an der russischen Grenze. Dorthin verirren sich nur wenige und man ist unter sich. Alles etwas familiärer aber mit sehr guter Küche und schönen Zimmern. Und vor allem: sehr einsam!

Was würden wir nächstes Mal anders machen?

Im Grunde nichts - alles hat gepaßt. Dank Merinounterwäsche, Zwiebelprinzip beim Anziehen, Fotostativ für die Polarlichtaufnahmen und Handystativ für Filmchen, sowie einem großzügigen Polster in der Urlaubskasse für Essen und Trinken vor Ort, konnten wir 10 angenehme und eindrucksvolle Tage im Norden unseres Kontinents verbringen.

Jutta würde auch nochmal in den winterlichen Norden fahren - gerne auch im Februar, wenn die Sonne weniger lange die Landschaft erhellt. Dann bliebe mehr Zeit für Polarlichter ...
Für Albert ist so eine Wiederholung eher unwahrscheinlich, denn die Kälte ist nicht sein Ding - die trockene Luft sorgte bei ihm für blutige Schleimhäute in der Nase und für regelmäßig kalte Füße, obwohl die Ausstattung bei den Touren mit speziellen Overalls, Schuhen und Handschuhen vorbildlich war! Die von Albert mitgebrachten(!) Thermoeinlagen für die Schuhe waren eine Offenbarung in den langen Beobachtungsnächten.

Polarlichter fotografieren

Das wichtigste Utensil ist ein Stativ. Irgendeins - es muß nicht perfekt sein, aber es muß vor Ort sein, denn man muss mit Belichtungszeiten von mehreren Sekunden arbeiten. Albert hat mit einem ganz kleinen Dreibein gute Aufnahmen gemacht, weil die Kamera dann nicht verzieht.

Ganz wichtig: Ihr müßt Eure Kamera auch im Dunkeln bedienen können. Und Ihr müßt Euch vorher mit der Einstellung von Empfindlichkeit (ISO), Blende (F), Belichtungszeit (t) und manueller(!) Scharfstellung vertraut gemacht haben. Im Dunkeln dauert alles 10-mal so lange - außerdem frieren dabei die Finger enorm schnell.

Polarlicht-Videos

Die Polarlichter kann man normalerweise weder mit handelsüblichen Foto- oder Videokameras noch mit Handys filmen. Dafür sind die Lichter normalerweise zu schwach. Aber man kann aus Fotoserien Videos generieren. Wie? Man nehme eine Serie von Aufnahmen, die alle in kurzem Abstand (Timer, Serienbilder) aus der gleichen Position heraus gemacht wurden (Stativ) und füttere damit ein Videoprogramm seiner Wahl. Albert nutzt dazu das "Schweizer Taschenmesser" der Open Source Szene für Videos: ffmpeg. Ein kleines Script, und schon verwandelt sich eine Fotoserie in ein kleines Video. Vorher sollte man das Herunterrechnen der Ursprungsbilder nicht vergessen, sonst wird das Video zu groß. Danach kann man noch Musik sowie einen Vor- und Abspann mit einem Videoschnittprogramm zufügen.

Hier zwei Videos von verschiedenen Standorten.

Willkommen in Lappland
Eichhörnchen
Eisschollen
Fortbewegung
Schneeblind?
nordisches Mofa
See putzen
Jutta-Trail
Wegweiser
Bäumling
Werkzeug
Doppelbaum
Inarifluß
Trockendock
Gleichberechtigung
kalt
Touri-Event
Kühlschrank
Kunst
Hai?
Eisfischer
See
Feuer machen
Tee oder Kaffee
Schlittenhunde
wilde Fahrt
Light-Alkohol
früh übt sich
Tankstelle
Eisfisch
EU-Grenze
Spuren
Abendstimmung
Grabsteine
Grenzerfahrungen
Königskrabbe
Königskrabbe
Meerbusen